Juergen E. Stolte - Corrugated art, Wellpappenkunst, Art et Carton
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  Jürgen E. Stolte
 
"Delicato", Kunsthaus, Wiesbaden (2002)
 
   
   
   
   
   
   

Eröffnungsrede "Delicato": Installation
von Jürgen Stolte, im Kunsthaus

Wiesbaden, 19.Januar 2002

Ich darf Sie beruhigen, meine sehr verehrten Damen und Herren: Um zu verstehen, was die Stationen dieser Installation leitmotivisch miteinander verknüpft, ist es nicht nötig, dass Ihnen vor jeder Einzelstation die passende kunsthistorische Zuschreibung einfällt. Ich gebe offen zu: Auch ich hatte, als ich mich letzte Woche in Jürgen Stoltes Atelier über den Stand der Dinge informieren wollte, in ein oder zwei Fällen meine Schwierigkeiten. Ich lade Sie ein, es mir nachzutun und den Einstieg beim wohl bekanntesten Beispiel zu wagen. Einstieg buchstäblich. Bis fast an die Knie eingestiegen ins Wasser eines Flusses oder Bassins ist die Frau auf dem Bild dort drüben; aus dem Dunkel des Hintergrunds schimmert hell auf wenig mehr als ihr Kleid, das sie durch Raffung vorm Nasswerden bewahrt, ihr Fleisch und die Spiegelung auf der Oberfläche des Wassers. Zum Bild das Vorbild: Rembrandts um 1655 gemalte "Badende" aus der Londoner National Gallery. Aller Wahrscheinlichkeit nach zeigt es Hendrickje Stoffels, die nach dem Tode der ersten Frau des Künstlers als seine Magd und Modell, Geliebte und Hausfrau fungierte, von ihm jedoch, trotz Missbilligung seitens der Kirche, nie offiziell geehelicht wurde. Auch für den, der über die biografischen Umstände nicht Bescheid weiß, hat das Original etwas Anrührendes - in der Intimität nämlich des Moments, da die sich unbeobachtet wähnende Frau ganz versunken ist in ihr behutsames, halb aktives, halb passives Tun, genau genommen: da sie versunken ist in besagte Spiegelung.

Jürgen Stolte hat auf dem Wege von Rembrandts Bild zu dem seinen manches verändert. Vorerst nenne ich nur das Format. Aus den 62 auf 47 Zentimetern des Originals sind bei ihm 200 auf 120 geworden, der Standard bei den Tafeln der Installation. Und die Skizzenhaftigkeit, die die badende Hendrickje dank breiten Pinselzügen und ungewissem Hell-dunkel aufweist, hat er übersteigert ins Expressive, mit Mitteln, auf die ich noch zurückkommen werde. Was er sich jedoch gehütet hat zu unterschlagen, sind die hellen Flecken, wo die Gestalt reflektiert wird im Wasser. Ist ihm dabei bewusst gewesen, dass im Spiegeln und Gespiegelt sein das erste von drei durch seine Installation sich ziehenden Leitmotiven liegt? Denn insgesamt folgen ihre sieben Stationen ausgewählten Stationen abendländischer Malereigeschichte. Von der Antike bis zum 20. Jahrhundert. Von Pompeji bis Picasso. So betrachtet, ist die Installation eine einzige Bespiegelung der Tradition, eine einzige große Hommage, und Stolte sagt selbst: "Ich ziehe meinen Hut vor den alten Meistern." Gleichzeitig kann er es nicht dabei bewenden lassen, diese einfach zu kopieren. Um das immense Angebot der Vergangenheit für die Gegenwart des eigenen Schaffens nutzbar zu machen, muss ein Künstler es sich aneignen, anpassen, anverwandeln. Er muss heraus aus der Hab-Acht-Stellung, um nötigenfalls auch mal rabiat und scheinbar respektlos mit dem Vorbild umzuspringen. Er steht vor dem Paradox, das alte Bild nur retten zu können, wenn er es zerstört, um ein neues Bild daraus zu machen. Pablo Picasso hat die Situation einmal un-übertrefflich in Worte gefasst: "Was ist ein Maler im Grunde? Ein Sammler, der sich dadurch eine Sammlung schaffen will, dass er sich die Bilder selber malt, die ihm bei andern gefallen. So fange ich nämlich an, und dann wird daraus etwas anderes."

Im Falle dieser Installation vollzieht sich ein Gutteil der Verfremdung bereits über das verwendete Material, von seiner schlussendlichen Anordnung einmal ganz zu schweigen. Der von Jürgen Stolte seit rund fünfzehn Jahren eingesetzte Vorzugswerkstoff ist die Wellpappe, die von ihm im Wechselspiel mit der Malerei gepflegte Vorzugstechnik die Décollage. Das heißt: er greift in das zeichnerisch und malerisch vorbehandelte Bild ein, um gezielt diese Schicht abzuheben, jene stehen zu lassen. Sein Instrumentarium zum Umgrenzen der Konturen umfasst neben dem Teppichbodenmesser auch Skalpelle für die Feinarbeit, während das Herunterziehen der Decklage mit der Kelle geschieht. Indem Stolte also sein Material Wellpappe öffnet und zeigt, was darunter liegt, eröffnet er sich parallel dazu die Möglichkeit, auch inhaltlich und psychologisch bis dato verborgen gebliebene Schichten eines Bildes ans Tageslicht zu bringen. Das unterstützt - im heutigen Kontext - seine Absicht, von bereits existenten Kunstwerken nicht Kopien anzufertigen, sondern etwas, das man Reprisen oder Repliken nennen könnte, vielleicht auch freie Paraphrasen. Zum betont kontemporären Werkstoff Wellpappe tritt in der uns umgebenden Installation das Polsterkissen hinzu. Das Polsterkissen, Format 190 auf 80 Zentimeter, das, in aufgeblasenem Zustand, zur Abpufferung und Stabilisierung bei Wertguttransporten benutzt wird. Da sein Kunststoffbalg von einer Papierhülle überzogen ist, eignet es sich ebenfalls als Bildträger. Zweifellos hat Jürgen Stolte sich etwas dabei gedacht, wenn er Materialien, die alltäglich und profan sind, zu Kunst weiterverarbeitet, wenn er das, was gemeinhin beiläufige Verpackung ist, zum Eigentlichen erhebt. Auch das zieht sich leitmotivisch durch das, was wir ringsum erblicken. Zweifellos hat Jürgen Stolte sich bei der Einrichtung dieser Installation etwas gedacht, die je zwei Paraphrasen desselben Vorbildes aus der Malereigeschichte einander zuordnet. Diejenige, die hängt, ist per Décollage zerfetzt, lädiert, demontiert; diejenige, die, versenkt wie in einen offenen Sarkophag, zu Füßen der ersten liegt, wirkt nur deswegen so intakt und prall, weil sie innen hohl ist, voller Luft, aufgeblasen. Das sind in unserer Sprache alles doppeldeutige Begriffe. Ob Stolte damit Kritik üben will am bildungsbürgerlichen, nach außen ehrfürchtigen, im Kern jedoch gleichgültigen Umgang mit der Kunst-Tradition, sollte jeder von Ihnen, meine Damen und Herren, für sich entscheiden. Ich stehe nicht hier, um irgendjemandem schlüsselfertige Interpretationen aufzudrängen.

Nochmals eine Art Spiegelung also, im doppelten Auftritt der Bild-Paraphrasen. Obschon ihr Verhältnis zueinander keine Spiegelung im naturwissenschaftlichen Sinne ist, das heißt: keine Spiegelsymmetrie, sondern Drehsymmetrie herrscht. Und weiter: obschon die aufgeblähten Kissen in ihren, wie Stolte sagt, "Grüften" das Original hauptsächlich durch reale, pralle Dreidimensionalität verfremden, während die aufrechten Flachware-Versionen vom Original um so stärker abweichen, je berserkerhafter ihr Urheber mit der Wellpappe gewütet hat. Gewütet an Bildern, die Königinnen im Hofstaat darstellen, Halb- und Vollgöttinnen und Heilige, denen von einem Engel soeben die Märtyrerkrone gereicht wird! Hier wären wir denn beim dritten Leitmotiv der Installation. Wer auch nur einen Funken Gespür hat, erkennt, dass Jürgen Stolte mitnichten auf eine Persiflage seiner berühmten Vorbilder abzielt, ebenso wenig wie auf das flotte postmoderne Zitat. Dazu ist er zu fasziniert vom durchgängigen Thema weiblicher Leiblichkeit, weiblicher Schönheit, ob diese sich nun in prunkvolle Gewänder hüllt oder in annähernder Nacktheit darbietet. Der Körper gibt ihm bald Anlass zu schwungvoll-großzügigen Konturenschnitten, bald zu Abrissen von Partien und Details, wobei die Wellenstruktur seines Vorzugswerkstoffs freigelegt wird. Wo ein herkömmlicher Maler nur über den Duktus des Pinsels verfügt, hat Stolte zusätzlich den des Messers. Als Resultat machen sich differenzierte Kontraste geltend zwischen Figur und Umfeld, Gewandton und Fleischton; Kontraste zwischen Acrylfarbe und Papiergrund; Kontraste zwischen Geplantem und Zufälligem, Skizzenhaftem und Elaboriertem, zwischen Ruppigem und unvermutet viel Zartem. Nicht umsonst steht "delicato" auf der heutigen Einladungskarte. Diese Arbeiten wollen durchaus sinnlich, mit Augen wie mit Fingerspitzen, gekostet werden.

Die Beschäftigung mit der meist weiblichen Einzelfigur oder Gruppenkomposition reicht lange zurück bei Jürgen Stolte. Ein paar Kleinformate auf der Galerie führen separat entstandene Arbeiten vor. Aber auch sie stammen insofern aus jüngerer Zeit, als sie bereits programmatisch aus dem Angebot der Kunstgeschichte schöpfen, Malerei wie Bildhauerei. Neu an der heutigen Ausstellung ist die Konzentration auf eine Installation, konzeptuell ehrgeiziger und materiell aufwendiger als alles, was Stolte zuvor angepackt hat. Gleichzeitig - und ein Künstler, der sich irgendwie doch an Positionen wie van Dyck und Watteau misst, muss sich das anhören können - gleichzeitig bin ich mir sicher, dass das Ende der Fahnenstange noch nicht erreicht ist, was die Aktualisierung der historischen Vorbilder betrifft. Jürgen Stolte weiß das, glaube ich, selber sehr gut. Nicht zwecks verfrühter Selbstbeweihräucherung, sondern um den kapellenartigen Charakter des Raums zu unterstreichen, hat er zusätzlich zu seinen sieben Stationen den siebenarmigen Leuchter entzündet. "Warum soll ich nicht ein bisschen inszenieren?", fragt er. "Die alten Meister taten's doch auch. Jedes Bild belegt das auf seine Art." - So, jetzt habe ich mich lange genug zum Sprachrohr des Künstlers gemacht. Ich entlasse Sie, meine Damen und Herren, in dieses Geflecht von Spiegelungen und Leitmotiven, damit Sie sich ihre eigene Meinung bilden können. Um einmal, statt mit Jürgen Stoltes Worten, mit denen von Bertolt Brecht zu reden: "So schmeiße ich euch die Historie hin: Fresst sie, Kinder! Aber schluckt nicht eure eigenen Zähne mit hinunter!"
© Dr.Roland Held, Darmstadt 2002

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